Übergang oder Fehlentscheidung?

Warum sich innere Unruhe oft nicht gegen den Weg richtet


Person sitzt ruhig in weiter Landschaft und blickt in die Ferne, ein Moment von Sammlung und innerer Orientierung in einer Übergangsphase

Innere Sammlung in einer Phase des Wandels

Es gibt Lebensphasen, in denen sich vieles gleichzeitig verschiebt, ohne dass ein einzelner Auslöser benannt werden könnte. Der Ort verändert sich, Rollen beginnen zu wackeln, Beziehungen verlangen neue Absprachen, Zukunftsbilder verlieren ihre Selbstverständlichkeit und Verantwortung tritt deutlicher ins Feld. Nicht nacheinander, sondern parallel. Für viele Menschen entsteht in solchen Momenten das Gefühl, den Überblick zu verlieren, obwohl sie aufmerksam, reflektiert und präsent sind.

 

In diesen Phasen taucht häufig der Gedanke auf, etwas sei falsch gelaufen. Eine Entscheidung wird infrage gestellt, der eingeschlagene Weg fühlt sich plötzlich brüchig an, die Richtung wirkt unscharf. Dieser Gedanke ist verständlich, weil der innere Halt sich gerade neu sortiert. Gleichzeitig verwechselt er oft Ursache und Wirkung. Was als Fehlentscheidung gelesen wird, ist in vielen Fällen ein Übergang.

 

Übergänge haben ihre eigene Qualität. Sie lassen sich nicht beschleunigen und sie folgen keiner linearen Logik. Ein Übergang ist kein sauberer Schnitt zwischen einem Davor und einem Danach. Er ist ein Zeitraum dazwischen, in dem das Alte noch trägt, während das Neue noch keine Verlässlichkeit entwickelt hat. Identität, Selbstbild und Orientierung befinden sich in Bewegung, manchmal leise, manchmal spürbar, oft widersprüchlich.

 

Diese Gleichzeitigkeit erzeugt Druck. Sie bringt Fragen hervor, die nach Halt suchen. Sie weckt das Bedürfnis nach schnellen Antworten, nach eindeutigen Entscheidungen, nach einem festen Punkt, an dem man sich festhalten kann. Besonders junge Menschen, Paare in neuen Lebensabschnitten oder Menschen in beruflicher Neuorientierung erleben diese Phase als innere Instabilität, obwohl sie mitten in einem Reifungsprozess stehen.

 

Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich in der Art der inneren Bewegung. Eine tatsächliche Fehlentscheidung bringt über längere Zeit eine klare innere Abwendung hervor, selbst dann, wenn die äußeren Rahmenbedingungen stimmig sind. Eine Übergangskrise hingegen zeigt sich durch Überforderung, Frust und innere Unruhe bei gleichzeitiger Bindung an den gewählten Weg, bei Interesse, Lernbereitschaft oder einem Gefühl von Sinnhaftigkeit, das noch vorhanden ist, aber gerade keinen festen Ausdruck findet.

 

Der entscheidende Punkt liegt im Zustand, aus dem heraus Entscheidungen getroffen werden. Grundsatzentscheidungen entstehen aus Übersicht, innerer Sammlung und einem gewissen Abstand zum eigenen Erleben. Übergänge bieten diesen Zustand selten. Sie sind von Bewegung geprägt, von Unsicherheit und von einem hohen Maß an innerer Aktivität. Wer in dieser Phase eine endgültige Richtung festlegen möchte, versucht oft, mit Entscheidung das zu beruhigen, was eigentlich Ordnung braucht.

 

Frust wird in Übergangsphasen häufig missverstanden. Er wird schnell als Zeichen von Unfähigkeit oder falscher Wahl interpretiert, obwohl er meist etwas anderes ausdrückt. Frust zeigt an, dass etwas Wesentliches fehlt. Struktur, Zielklarheit, Wirksamkeit oder Orientierung. Er sagt wenig über Kompetenz aus. Er verweist auf einen Bereich, in dem Ordnung entstehen möchte.

 

Besonders im beruflichen Kontext tritt Frust dort auf, wo Aufgaben keinen klaren Rahmen haben, Erwartungen unausgesprochen bleiben und Ergebnisse nicht eindeutig benannt sind. Menschen geraten dann innerlich in Bewegung, ohne zu wissen, worauf diese Bewegung ausgerichtet sein soll. Klarheit wirkt in solchen Situationen entlastend. Entscheidung folgt später, wenn sich der Boden gesetzt hat.

 

Berufliche Zweifel gehören zu Entwicklungsphasen. Sie zeigen innere Beteiligung und Beziehung zum eigenen Weg. Sie entstehen oft, bevor jemand wirklich im Feld angekommen ist, bevor Rollen sichtbar werden und Verantwortung greifbar wird. Entscheidungsreife wächst aus Erfahrung, nicht aus theoretischer Abwägung. Sie braucht Zeit, Vergleich und das Erleben des Alltags in seiner konkreten Form.

 

In Paar-Konstellationen entfalten Übergänge eine besondere Intensität. Zwei Menschen bewegen sich gleichzeitig durch Veränderung, häufig mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und mit verschiedenen inneren Fragen. Eine Person sucht Struktur, Klarheit und Halt, während die andere Rolle, Sinn und Ausrichtung prüft. Diese Bewegungen sind gleichwertig. Sie gehören zum gemeinsamen Prozess.

 

Beziehung wirkt in solchen Phasen ordnend, wenn sie Raum für Wahrnehmung lässt. Nicht als zusätzlicher Leistungsraum, nicht als Ort schneller Lösungen, sondern als Raum von Präsenz und Verbindung. Dort, wo beide sich zeigen dürfen, ohne etwas festlegen zu müssen, entsteht Stabilität.

 

Übergangsphasen öffnen meist mehrere gangbare Wege zugleich. Manche Menschen stabilisieren zunächst das Bestehende, klären Rahmenbedingungen und sammeln Erfahrung. Andere bereiten Veränderungen vor, führen Gespräche, prüfen Möglichkeiten. Wieder andere geben dem Übergang bewusst Zeit, lösen inneren Druck und lassen Klarheit wachsen. Orientierung entsteht durch bewusste Bewegung in einem dieser Räume, nicht durch Eile.

 

Innere Führung zeigt sich im Umgang mit dem Dazwischen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Unsicherheit zu halten, ohne sie sofort aufzulösen. Wer lernt, Übergänge zu lesen, statt gegen sie zu arbeiten, entwickelt Orientierung aus Erfahrung.

 

Der Weg entsteht im Gehen. Klarheit wächst aus Struktur, Wahrnehmung und innerer Sammlung.

 

Übergänge bringen Fragen hervor, die sich nicht immer allein sortieren lassen.

 

 

Für Situationen, in denen eine ruhige Einordnung hilfreich ist, habe ich den Klarheitsraum geschaffen.

Einen professionellen Rahmen, um eine innere Lage zu verstehen, bevor Entscheidungen getroffen werden.

 

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Susanne Kruse sitzt ruhig in herbstlicher Natur, mit weichem Blick zur Seite. Eine Haltung von Klarheit und Ankommen.

Über meine Arbeitsweise

 

Ich halte ruhige, präzise Arbeitsräume für Menschen in Verantwortung, die sich in Übergängen befinden und ihre innere Führung neu ordnen.

 

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