Entscheidungen, die andere für dich treffen

Wenn jemand anderes über deinen Kopf, zu langsam oder gar nicht entscheidet, liegt deine Tragfähigkeit nicht darin, seine Entscheidung zu erzwingen, sondern den Teil zu ordnen, der wirklich deiner ist.


Auf einem Schachbrett setzt eine Hand gerade eine Figur, während eine zweite Hand auf der eigenen Spielfeldhälfte die eigenen Figuren ordnet. Das Bild symbolisiert den Unterschied zwischen dem Einfluss anderer und der Verantwortung für die eigene Position

Du wartest auf eine Entscheidung, die nicht bei dir liegt. Sie betrifft dich, sie bestimmt deine nächsten Wochen, treffen wird sie ein anderer, ein Vorgesetzter, ein Familienmitglied, jemand, der über dir steht oder neben dir. Du hast den Vorschlag dreimal geschickt, du hast nachgefragt, die Antwort bleibt ein vertröstendes Später. Inzwischen hängen deine eigenen Pläne in der Luft. Vielleicht hast du angefangen, die andere Person zu steuern, zu erinnern, vorzubereiten, Umwege zu bauen, damit es sich doch noch bewegt. Vielleicht bist du still geworden und sagst dir, da sei nichts zu machen. Beide Wege geben dasselbe ab, den einen Teil, der wirklich deiner ist.

 

Der ganze Cluster bisher handelt von Entscheidungen, die bei dir liegen. Dieser Text handelt vom umgekehrten Fall, von der Entscheidung in fremder Hand, die dein Leben trotzdem formt. Die Versuchung läuft in zwei Richtungen, und beide kosten dich Substanz. In die eine greifst du nach einer Entscheidung, die nicht deine ist. In die andere lässt du auch das fallen, was sehr wohl deins wäre. Tragfähig wirst du erst, wenn du die Linie dazwischen genau ziehst.



Die erste Falle, du übernimmst eine fremde Entscheidung

Der erste Reflex sieht aktiv und verantwortungsvoll aus. Du beginnst, die fremde Entscheidung zu betreiben, du erinnerst, bereitest vor, legst Optionen zurecht, übernimmst im Stillen die Arbeit, die eigentlich beim anderen läge. Eine Weile fühlt sich das nach Einfluss an. In Wahrheit übernimmst du eine Verantwortung, die dir nicht gehört, und entlastest damit genau die Person, die entscheiden müsste. An anderer Stelle habe ich beschrieben, wie Verantwortung ihren Ort verliert, wenn sie still zu dem wandert, der am wenigsten Widerstand leistet. Hier geschieht dasselbe, nur trägst du sie diesmal über eine Grenze hinweg, die nicht einmal deine ist.

 

Die zweite Falle, du gibst dich der Ohnmacht hin

Der zweite Reflex sieht bescheiden aus, ist aber genauso teuer. Du sagst dir, es liegt ja nicht bei mir, also kann ich nichts tun, und ziehst dich innerlich zurück. Diese Haltung wirkt wie Akzeptanz. Sie ist meist Resignation, weil sie den Spielraum übersieht, der dir bleibt. Selbst wenn die Hauptentscheidung in fremder Hand liegt, triffst du weiter Entscheidungen, wie lange du wartest, was du dabei klar benennst, welche Bedingungen du an dein eigenes Mittun knüpfst, ab wann du deinen Weg unabhängig weitergehst. Gibst du diesen Spielraum auch noch ab, machst du dich kleiner, als die Lage es verlangt.

 

Die Linie, die deine ist

Tragfähigkeit beginnt mit einer nüchternen Trennung. Die Entscheidung des anderen gehört ihm, mit allem, was daran hängt, auch mit den Folgen, die er zu verantworten hat. Deine Antwort darauf gehört dir. Diese Trennung klingt einfach und ist im Alltag die ganze Arbeit, weil beide ständig ineinanderrutschen. An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass eine Entscheidung erst trägt, wenn klar ist, wem die Verantwortung gehört. Nach außen heißt das: Deine Klarheit beginnt damit, die fremde Entscheidung als fremde stehen zu lassen, statt sie heimlich zu deiner zu machen.

 

Was bleibt dann dir? Mehr, als die Ohnmacht glauben macht:

  • benennen, was du brauchst, klar und ohne Drohung
  • eine Frist setzen, nicht für den anderen, sondern für dich, einen Zeitpunkt, ab dem du anders weiterplanst
  • Bedingungen an dein eigenes Mittragen knüpfen
  • entscheiden, was du tust, falls die Entscheidung ausbleibt oder anders ausfällt als erhofft

Das ist kein Druck auf den anderen, es ist Ordnung auf deiner Seite.

 

Wenn gar nicht entschieden wird

Ein Sonderfall verdient eigene Worte, das Nichtentscheiden. Manchmal fällt keine Entscheidung, über Monate, über Jahre, etwa eine Senior-Generation, die nicht loslässt, oder ein Vorgesetzter, der jede Festlegung vertagt. Das Nichtentscheiden ist selbst eine Entscheidung, nur eine unausgesprochene, und es bindet alle, die warten. Hier ist die wichtigste eigene Entscheidung, das Warten nicht unbegrenzt zu verlängern. Niemand zwingt den anderen, und niemand zwingt dich, dein Leben dem Aufschub eines anderen anzupassen. An dem Punkt, an dem du das aussprichst und danach handelst, verschiebt sich oft auch beim anderen etwas, weil das Nichtentscheiden seinen bequemen Preis verliert.

 

Die unbequeme Frage zum Schluss richtet den Blick weg vom anderen und zurück zu dir. Sie lautet nicht, warum der andere nicht entscheidet. Sie lautet: Welchen Teil dieser Sache behandelst du gerade als fremde Entscheidung, obwohl er längst deiner wäre?

 


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